Samstag, 22. August 2015

Best of Bullshit

Oder auch: Wie viel Scheiße kann das Internet eigentlich produzieren?
Kurzes Vorwort: Interessanterweise ist vor ein paar Tagen, als mein Artikel schon fast fertig gepostet wurde, zu genau meinem Anlass eine dicke Diskussion entbrannt. Ich werde jetzt extra keine Namen nennen, wer ein bisschen Up-to-Date ist, weis eh, worum es hier geht. Ich möchte hiermit keinen angreifen und das tue ich auch bewusst nicht, denn dieser Post soll aufklären und keinen runtermachen. Cheers!

P.S.: Für diverse Kraftausdrücke entschuldige ich mich vorweg. Ich bin nur aufgebracht.

Skincare ist der neuste Trend der Online-Beautycommunities. Was vorher die meterweit übermalten Instagram-Augenbrauen waren, stellen heute diverse Skincareposts dar, die derzeit auf so gut wie jedem Beautyblog zu finden sind. Inhaltsstoffe und INCI-Listen sind die neue Lieblingslektüre der schönheitsbewussten Bloggerin von heute.

Auslöser für diesen Trend war wohl unter anderem eine Dame namens Paula Begoun, auch bekannt als „The Cosmetics Cop“. Sie begann, sich mit Inhaltsstoffen in Kosmetika zu befassen und verfasste einige Bücher zum Thema Hautpflege. An sich ja erstmal gar nicht so schlimm. Viele junge, aber auch ältere Frauen nahmen sich Frau Begoun zum Vorbild, begannen selber INCI-Listen zu studieren und darauf zu achten, was sie auf ihr Gesicht schmieren, um ihre Haut zu pflegen. Und genau das ist der springende Punkt:
Wer zur Hölle sagt, dass ihr Ahnung von Dermatologie habt?

Die Hautpflege hat im Internet einen regelrechten Boom erfahren. Vermeintliche Skincare-Blogs schießen wie Pilze aus dem Boden und verbreiten ihren Unfug in die weiten des Internets. Besonders schrecklich, wenn besonders Ahnungslose besonders viel Müll über besonders radikale Hautpflege verbreiten. Und damit auf Platz 1 der Google Suchergebnisse kommen. Nach mehrmaliger Lektüre einiger Artikel besagten Blogs musste ich mich bemühen, meinen Kopf nicht auf die Tischplatte hauen zu wollen oder meinen PC zu zerschlagen. Kurzum: Wie viel Scheiße können Menschen eigentlich ins Internet setzen und vor allem, wie viele Vollidioten glauben das auch noch?

Rage-Mode über 3000. Nur mal so am Rande.

Und genau deswegen sitze ich jetzt hier und tippe diesen Post. Weil mir meine Haut am Herzen liegt und ich der Meinung bin, dass andere Menschen auch darauf achten sollten, wie sie ihre Haut pflegen. Auch ich bin selber keine Hautärztin oder Kosmetikerin, habe mich aber in den letzten Tagen einigen Interviews mit Fachleuten unterzogen, Fachzeitschriften für Dermatologie gelesen und kann jetzt sagen: Leute, bitte hört damit auf, eure Haut so zu überpflegen. Das geht mächtig nach hinten los. Wirklich.

Das was folgt, ist ein kleines Best of der wortwörtlich beschissensten Hautpflegetipps, die ich jemals zu Gesicht (haha, Wortspiel) bekommen habe. Ganz frei nach dem Motto „Kopf meets Tischplatte“. Übrigens, ihr Superschlauen, die jetzt ihre „Expertenmäulchen“ aufreißen wollen und mir widersprechen wollen: Lasst es besser. Ich habe Fachliteratur. Mit der ich euch bewerfen kann. Stellt euch das so ähnlich vor wie bei einer gewissen katholischen Internet(z)-Plattform und deren weitbekannten Wurfbibeln. Nur mit Dermatologie.
Wir haben die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen, aber bitte: Beautypedia macht euch nicht zu Skincare-Göttern. Auch nicht zu was annäherndem. Denn das Internet produziert viel Scheiße. Glaubt’s mir.

„ Man kann seine Haut nicht überpeelen!“


Bitte was? Das ist mit das gefährlichste und fahrlässigste, was ich seit langem in dem ganzen Skincare-Unfug gelesen habe. Seit ein paar Jahren stehen chemische Peelings wieder komplett im Mittelpunkt mancher Hautpflege-Routinen.

Kurzer Exkurs in die Geschichte der chemischen Peelings: Vor circa 25 Jahren begann die Kosmetikindustrie, Produkte mit AHA und BHA auf den Markt zu schmeißen. Allerdings ist der Schuss nach Hinten los gegangen, denn unglaublich viele Frauen (und sicher auch einige Herren) reagierten nicht wirklich positiv auf die Produkte und hatten mit starken Reizungen, gar verbrennungsähnlichen Symptomen zu kämpfen. Daraufhin verschwanden die Frucht- und Salicylsäure Produkte fürs erste wieder vom Markt. Kurz darauf begann man, mit Hyaluron zu arbeiten, eine Revolution im Bereich des Anti-Agings. Vor ein paar Jahren dann wollte die Kosmetikindustrie dann wieder die Fruchtsäuren aufleben lassen. Diesmal vorsichtiger eingesetzt und niedriger konzentriert.

Chemische Peelings sind die Produkte, die wohl am meisten von AHA und BHA profitieren, denn sie wirken damit. Allerdings sollte man ihre Verwendung tatsächlich nicht übertreiben. Und genau hier liegt das Problem: Auf manchen Seiten wird empfohlen möglichst jeden Abend ein solches Peeling anzuwenden. Und zwar erst ab einer Konzentration von mindestens 7% AHA. Dazu ein AHA-haltiger Toner plus eine Creme mit AHA oder BHA. Aber sonst geht’s euch gut. Ihr schmiert euch wahrscheinlich auch reinstes HNO3 (Google ist euer Freund) ins Gesicht. Hat im übrigen auch den selben Effekt. So etwas jeden Abend zu tun ist wie Mord an seiner Haut zu begehen. Und zu sagen, dass die Haut durch Peelings dicker, aber gleichzeitig auch noch elastischer wird, ist ebenfalls mehr wie blöd. Ja, sie wird dicker, allerdings nur die Oberhaut. Aber leider nicht elastischer, eher im Gegenteil. Eine Haut, die jeden Abend mit derartig starken Säuren in Berührung kommt, kann das gar nicht gutheißen. Das Ergebnis: Die Haut wird trockener als die Sahara, gleicht vom Aussehen her einem ausgetrockneten Flussbett und wird eher hart als elastisch.

Selbst die Herstelleranweisung, 1 bis 2 mal in der Woche zu peelen, ist fast noch zu viel. Für eine Problemhaut mit starker Akne ist das vielleicht noch tragbar, aber trotzdem in geringerer Konzentration, als oben beschrieben. Menschen, die keinerlei Hautprobleme haben, sollten eher 1 mal die Woche peelen, wenn nicht sogar nur alle zwei Wochen. Denn im Endeffekt sind chemische Peelings aggressiv und greifen die Haut an. Nicht umsonst sagt man schließlich, dass solche Peelings die Haut „schälen“. Denn genau das tun sie. Und wenn man zu oft peelt, schält man die Haut komplett ab. Und das will ja hoffentlich keiner.

„Dickere Haut ist besser!“


Ja? Wirklich? Da wär ich mir aber nicht ganz so sicher. Ein Resultat von oben behandelten chemischen Peelings mit AHA soll sein, dass die dicke der Haut optimiert werden soll. Denn dickere haut ist Faltenfrei. Und ich hab schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen.

Wie schon gesagt, durch die Anwendung von chemischen Peelings wird die Haut zwar dicker, aber wiederum nur die Oberhaut. Und die wird gleichzeitig staubtrocken.
Wie reagiert Frau Beauty darauf? Natürlich mit einer entsprechenden Creme. Und her kommt der Teil, an dem die Haut sich denkt: „Oh wie cool, ich muss nicht mehr arbeiten“, und beginnt, ihre Eigenfettproduktion einzustellen. Es entwickelt sich sozusagen eine Abhängigkeit der Haut von den Pflegeprodukten, die der Haut die Feuchtigkeit geben, die sie selber nicht mehr produziert. Setzt man diese Produkte irgendwann ab, wird das Resultat ebenfalls nach trockenem Flussbett aussehen. Gar nicht mal so schön also.
Also wie gesagt: Schön vorsichtig peelen, dann passieren solche Probleme auch nicht.

„AHA und BHA sind Allheilmittel für alle Hautprobleme!“

 

Ganz bestimmt. Und ich hab ne eierlegende Wollmilchsau im Garten stehen.
Zu behaupten, AHA und BHA sind unglaublich gut für alle Hauttypen, ist unglaublich gefährlich. Jede Haut ist individuell und gerade Säuren sollten mit Bedacht eingesetzt werden. Es ist also schon etwas Vorsicht und gesunder Menschenverstand geboten. Andersherum auch zu behaupten, dass BHA zum Beispiel Rosazea bekämpft, ist der galoppierende Schwachsinn. Viel eher sollte man bei einer Rosazea eher mit milden Mitteln pflegen. Und was ist BHA? Richtig, meine belesenen Freunde, Salicylsäure. Und was heißt das?
100 Gummipunkte, Salicylsäure ist alles andere als Mild! Und jetzt denkt mal scharf nach. Das verträgt sich nicht so. Da generell nach einer BHA Behandlung die Haut auch schon mal mit Rötungen reagieren kann, weil sie durch die aggressiven Inhaltsstoffe gereizt ist, ist es sicherlich auch sinnvoll, solche Stoffe auf eine nicht ohnehin schon genug gereizte Haut zu geben.

Nicht.
Ernsthaft.

„Hautalterung lässt sich durch Sonnenschutz zu 80% aufhalten!“


Jein. Vorzeitige Hautalterung, ausgelöst durch freie Radikale und Sonneneinstrahlung, lässt sich tatsächlich bis zu einem gewissen Grad durch entsprechende Maßnahmen verringern. Aber einfach zu sagen, Hautalterung an sich lässt sich durch Sonnenschutz komplett aufhalten, der glaubt auch daran, dass man seine Haut nicht überpeelen kann. *hust*
Hautalterung ist nämlich vor allem eines: Biologie. Biologische Hautalterung kann man nicht herauszögern und lässt sich genauso wenig vermeiden. Das ist nun einmal so und da kann auch das beste PC anti Aging Produkt nix dran machen. Mutter Natur kann man einfach nicht umgehen.

Liebste Freunde der Hautpflege, ihr habt jetzt das Recht mit mir über dieses Thema zu diskutieren. Ich will hiermit niemanden Angreifen ebenso wenig wie ich Leute beim Namen genannt habe. Aber dieser Post musste mal sein. Es wird einfach derzeit so viel Mist publiziert und so viele gefährliche Dinge in den Himmel gelobt, dass man da ruhig auch ein paar kritische Worte zu ablassen kann.

Verzeit’s mir.


Haut rein.       

Kommentare:

  1. Ohne Wertung meinerseits, da ich eh zu wenig Ahnung hab: Deine Aussagen über chemische Peelings widersprechen zum Teil den Infos die man zB auch bei Agata findet und nicht nur auf dem Blog auf den du dich vermutlich beziehst.

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    1. Was ich hier wiedergebe sind Dinge, die ich mir in diversen Büchern und Zeitschriften von & für Kosmetiker markiert habe sowie aus mehreren Gesprächen mit Kosmetikern selbst. Darauf aufbauend habe ich mir eine eigene Meinung zu dem Thema gebildet sowie auch diesen Post aufgeschrieben. Nur wegen diesem einen Blog, der grade etwas aus der reihe tanzt, heißt es ja nicht, dass nur dort manches erzählt wird, was jetzt gar nicht mal so gut für die Haut ist.

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